Anreise
Morgens um 8 Uhr, schnell ein WhatsApp „Heute Balderen“ an die PDC-URI-Gruppe losgeschickt und schon war ich auf den 8.40 Uhr Zug losgedüst. Michi Kost hatte sich zwischenzeitlich nun auch noch gemeldet, aber mein Zug war schon abgefahren. Also wartete ich am HB auf Michi.
Die freigewordene Zeit habe ich beim MC Donalds verbracht. Da ich bis zu dem Zeitpunkt noch kein Frühstück eingenommen hatte, habe ich, wie es sich für Zürich gehört, bereits am „halbi 10i a dr Bahnhofstrass en Hämbörger ineghaue“
Etwas musste ich für diesen Genuss dann doch noch büssen. Den Hamburger mit etwas ranzigem Speck und Industriekäse lag mir noch lange auf dem Magen. Ihm hatte ich das Bauchweh vom nächsten Tag zu verdanken. Aber das sei dann wieder eine andere Geschichte.

Kari und Luca
welche nach einem Konzertbesuch in Zürich übernachteten, hatten in weiser Voraussicht ihre Gleitschirmausrüstung miteingepackt. So war es ein Leichtes, sie zu überzeugen, sich uns anzuschliessen.
Spontan boten sie an, uns am HB abzuholen. Abgemacht hatten wir beim Taxi Stand, wovon es am Bahnhof jedoch zwei gibt, der eine nord- und der andere südseitig. Prompt warteten wir genau auf der jeweils falschen Seite.
Bis wir uns dann endlich alle gefunden hatten, hatten die einen die Seiten gleich zwei Mal gewechselt.
Der anschliessende Abstecher zum Albisgüetli, wo es leider kein Abzweiger nach Leimbach gibt, kam noch als Zückerchen oben drauf. Soviel zur Ortskundigkeit von uns Landeiern.

Aufstieg zu Startplatz
Als wir nun endlich am Parkplatz beim Landeplatz in Oberleimbach ankamen, haben wir, nach kurzer Landeplatzbesichtigung, in bester Hike and Fly Manier den rund 20 minütigen Aufstieg in Angriff genommen.

Flugvorbereitung
Oben angekommen machten wir, ein kurzes Briefing mit Segelflugkartenstudium. Dies lohnt sich an fast keinem andern Startplatz mehr als beim „Uezgi“, da der Luftraum in dieser Gegend relativ kompliziert ist.
Als ich dann mit Plänen „bis nach Sursee könnte man Fliegen“ oder „man braucht Flugfunk um bei den Mittellandflugplätzen vorbei zu kommen“ haben mich Luca und Kari schon etwas ungläubig und skeptisch angeschaut. Natürlich, wenn man zum ersten Mal ein neues Fluggebiet befliegt, ist man ja auch schon happy, wenn man den Startplatz überhöhen und die Krete absoaren kann und dazu braucht es auch gewiss kein Funkgerät.

Start-Poker
Die Bise war zwischenzeitlich nur noch schwach. Bei diesen Bedingungen hast du nach dem Start zwei Möglichkeiten, jedoch nur eine Chance. Links oder rechts, hat man die falsche Seite gewählt, steht man am Boden.
Nacheinander starten Luca, Kari und Michi. Ich ging mit etwas Verzögerung ganz als letzter raus, da sich zwischenzeitlich noch Pascal Bissig am Startplatz eingefunden hat. Pascal ist auch ein Urner und neben Franz Schilter der erfolgreichste Urner Gleitschirmpilot. Da er in Zürich wohnt und arbeitet ist der Uetliberg praktisch zu sein Hausberg geworden.
Als ich dann endlich auch in die Luft kam, habe ich die andern bereits am Landeplatz ausmachen können. Also sieht es nicht gerade hoffnungsvoll für einen schönen Flachlandflug aus. Da zuvor ein einheimisch Pilot nach dem Start auf der rechten Seite kurzeitig überhöhen konnte, habe ich mich ebenfalls für diese Seite entschieden.
Als ich damit wenig Erfolg hatte, flog ich dann einfach immer weiter den Hang entlang. Für den Rückflug zum offiziellen Landeplatz, ohne zwischenzeitliche Thermik, hätte es nun schon nicht mehr gereicht. Doch plötzlich nach einer kleinen Geländekante fand ich glücklicherweise einen seidenfeinen Schlauch und siehe da, nach bangen 5 Minuten hatte ich das schlimmste überstanden und die Krete endlich überhöht. Von da ging‘s zuverlässig an die Basis auf rund 1200m.

Ab ins Flache
Mutterseelenalleine fragte ich mich; „Ja und etz?“ Wieder steht ein Entscheid an. Richtung Westen sah das Flachland sehr einladend aus, war es doch schon mit unzähligen Schäfchen am Himmel übersäht. Auf der andern Seite waren meine Fliegerkameraden, die ich, wenn ich den Schritt ins Flache wagen würde, bestimmt den ganzen Tag nicht mehr zu Gesicht bekäme. Der Entscheid war mir beim Anblick der Schäfchen nicht mehr schwer gefallen. Also los ging’s, raus auf die „grüne Wiese“. Bereits beim ersten Hügel fand ich schon nach kurzer Zeit erneut einen schwachen Schlauch, der mich kontinuierlich wieder nach oben brachte.
Mit Rückenwindunterstützung ging‘s nun flott weiter und kurz vor Muri habe ich voller Optimismus das Segelflugfeld Buttwil per Funk über mein Auftauchen informiert. Doch kaum angekündet, kam ich in eine Abwindzone und stand nur kurze Zeit später schon fast am Boden.
„War‘s das jetzt schon? Das kann doch nicht sein!“
Entschlossen hatte ich mich gegen das Absaufen gewehrt. Mit einer letzten Chance und alles auf eine Karte setzend, hatte ich den Schirm nicht mehr gegen sondern in den Wind gedreht. So ging‘s mit Vollgas zum letztmöglichen Thermikablösepunkt; ein kleiner Hügel am Lindenberg mit Waldrand. Nach einer gefühlten Unendlichkeit hatte ich den Hügel erreicht, aber wenig Hoffnung auf eine Auferstehung. Hinter dem Hügel sehe ich eine schöne Landewiese neben einem Bauernhof. Als ich die Wiese anpeile, finde ich knapp über dem Boden einen sportlichen Schlauch, der sich hinter dem Wald im Lee entwickeln konnte.
Da habe ich mich nun richtig reingebissen und ihn nicht mehr losgelassen, bis ich wieder einige Meter gewonnen hatte. Kurze Zeit später hatte ich bereits wieder eine komfortable Reiseflughöhe erreicht. Nun heisst’s; adieu Buttwil und schon hatte ich den Lindenberg hinter mir gelassen. Der nächste Schlauch, gab‘s schon schon bald dahinter und anschliessend mitten auf dem Hallwilersee, zu welchem ich zur Querung ansetzte, was jeglicher Theorie und Logik widerspricht. Vielleicht war‘s ein Leeschlauch vom „andern Ufer??. Mir soll’s egal sein, Hauptsache es geht hoch.

Querung Beromünster
„Beromönschter, Paraglider 74, Herlisberg, 4500 feet, request for crossing CTR direction Sursee“ quasselte ich nun ins Funk. Dass das jemand verstanden hat, konnte ich nur hoffen. Jedenfalls bekam ich keine Antwort, was aber auch nicht’s aussergewöhnliches ist, da es in Beromünster gar keinen Tower, sondern nur ein Flugplatzleiter am Funk hat, der für den geordneten Segelflugbetrieb, jedoch nicht für die andern vorbeifliegenden Luftfahrtteilnehmer zuständig ist. Also hätte ich mir das „Request for“ sparen können.
So bewege ich mich wieder landeinwärts. Nun gesellte sich noch ein Kollege mit einem „Archäopteryx“ (fussstartfähiger Segelflieger) zu mir. Gemeinsam machten wir Höhe und genossen die wunderbare Aussicht über‘s Seetal und Mittelland. Ein Tête à Tête der seltenen Art, welches auch nur kurz andauerte, denn der „Flugdino“ machte sich, so schnell wie er gekommen war, nach Süden aus dem Staub (oder Wolkenrand, natürlich ;-) . Dies entsprach jedoch nicht meiner westlichen orientierten

Flugroute.
Nach der Flugplatzquerung peilte ich auf der gegenüberliegenden Seite den alten Sendemasten von Beromünster an. Es hatte sich gerade eine schöne Wolke darüber gebildet. Dort angekommen, habe ich nach der langen Querung, den Spitz des Sendemasten, gefühlsmässig noch mit dem Rückenprotektor gestreift. Dies lohnte sich insofern, da genau darüber der Schlauch abging und mich wieder unaufhaltsam hochbeamte.

Über Suren- und Rottal
Mit komfortabler Höhe konnte ich nun zur Querung über die Stadt Sursee ansetzten.
Wie im Gebirge bei Berggipfeln, geht es im Flachen über den grösseren Städten jeweils zuverlässig hoch. Diese Zuversicht bestätigte sich kurze Zeit später, denn auch dieses Mal brauche ich nicht lange zu suchen und ein Schlauch hievt mich wieder zur sicheren Basis hoch.
Mit der Bise im Rücken ging’s flott vorwärts. Unterstütz noch vom Alpinen Pumpen, verlieh sie mir einen Speed von zeitweilig >60 km/h über Grund und bei Gleitzahl >15 macht sich „Zeno Feeling“ breit. ;-)

Luzerner Hinterland und Emmental
Schnurgeradeaus fliegend, steuerte ich vor Willisau die nächste Wolke an. Hier gab‘s den nächsten Bart, den ich nach einmaligen Drehen bereits schon wieder verlassen musste, wollte ich von der Basis verschluckt werden. Jetzt geht’s mit gutem Gleiten über Hergiswil bis Luthern weiter, wo jeweils über den Hügeln immer wieder Anschluss zu finden war.
Hinten im tiefen Emmental angekommen, wird’s langsam sportlich. Mein Rush fängt sich an zu krümmen und winden, ein Klapper konnte ich nur knapp verhindern, was einiges über die Verhältnisse aussagt. Mit mulmigem Gefühl schaue ich in Richtung Hochalpen. Hier ist nun alles ziemlich dunkel. Ein Blick in die andere Richtung zeigte jedoch, die „Schäfchen“ im Mittelland waren immer noch fröhlich am Weiden, obwohl sie zwischenzeitlich an „Wolle“ zugelegt hatten. Das stimmte mich zuversichtlich noch etwas weiter zu fliegen. Hier sieht man, wie unterschiedlich das Wetter auf kleinem Raum sein kann.

Landung
Doch plötzlich sind die Wolken über der vor mir liegenden Route weniger geworden. Weshalb dem so ist, spüre ich schon bald. Das Gewitter im Berner Oberland ist in vollem Gange und das alpine Pumpen ist mittlerweile so stark geworden, dass die Thermik vor mir buchstäblich verblasen wurde. So musste ich halt Wohl oder Übel, nach 70 Km Flachlandflug, bei Sumiswald landen gehen.
Damit endete meine Odyssee und eine beachtliche Rückreise mit Bus und Zug stand an.
Nun wie verbringt man die Zeit im Zug?
Natürlich mit dem Hochladen des igc-files auf den XC-Server und mit einem entspannenden Bier :-). Mit den wunderbaren Gedanken an das soeben Erlebte und dem Beantworten von WhatsApp Nachrichten vertrieb ich mir die Langeweile auf der Heimreise…